Ehe für alle – eine richtige und überfällige politische Entscheidung

Endlich hat der Deutsche Bundestag die „Ehe für alle“ beschlossen. Diese Entscheidung war überfällig. Sie ist vollkommen richtig. Und sie ist eine – das mag man gegenüber all jenen, die mit mehr oder meistens weniger einleuchtenden theologischen Argumenten daher kommen, noch einmal ausdrücklich vor Augen führen – politische Entscheidung.

„Es wird durch Ergänzung von §1353 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) klargestellt, dass auch gleichgeschlechtliche Personen eine Ehe eingehen können. Die Rechte der Kirchen und Religionsgemeinschaften bleiben von dieser gesetzlichen Regelung unberührt.“ – So der Gesetzesentwurf.

Kein Wort hier von christlichen Werten, von Gott oder Theologie – was auch vollkommen richtig ist, gehört die theologische Debatte doch nicht zu den Aufgaben unserer Bundestagsabgeordneten. Und was wird dennoch an theologischen und pseudotheologischen Plattheiten von verschiedenster Seite auf den Markt geworfen! Ich schäme mich geradezu für manches, was ich von Seiten einiger Abgeordneten hören und in den sozialen Medien an vielen Stellen lesen muss. Vom Untergang des Abendlandes, der mit der Öffnung der Ehe heraufbeschworen würde, lese ich; von einem Gott, der zu Urzeiten Mann und Frau zusammengefügt habe, was natürlich – so wird unter der Hand zumindest vorausgesetzt – gleichbedeutend ist mit dem Institut der Ehe nach unserem Verständnis bzw. nach dem Verständnis derer, die hier „argumentieren“,und und und…

Ich habe an anderer Stelle ein paar Gedanken zum Eheverständnis zusammengetragen (vgl. hier unter „Ein großes Lob und ein kleines Wort der Kritik“) und will diese nicht noch einmal alle wiederholen.

Zwei Punkte vielleicht noch einmal benannt:

  • Über die Ehe, wie wir sie kennen, steht in der Bibel kein einziges Wort, und ätiologische Gebote sind keine Universalien, sondern zeit- und kontextgebunden.
  • Eine „Trauung“ nach evangelischem Verständnis ist ein Gottesdienst anlässlich einer Eheschließung und keine sakramentale Handlung. Alle, die mit der Öffnung der Ehe im politischen Sinne eine Aushöhlung rituellen kirchlichen Handelns sehen, mögen mir erklären, woher – interessanterweise in besonderer Weise im evangelikalen Lager – eigentlich dieses pseudo-katholische/sakramentale Eheverständnis kommt, ohne das ihre Argumentation auch den letzten Sinn verliert.

Vor allem aber und wie schon gesagt: Der Bundestag hat keine theologische Entscheidung getroffen, sondern eine politische.

Abgesehen davon, dass „Argumente“ wie „In einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft fehlt einem adoptierten Kind das andere Geschlecht“ oder „Die Ehe ist auf Kinder angelegt und das geht gleichgeschlechtlich ja nun nicht“ keinerlei Anhalt mehr an gegenwärtigen Realitäten haben (Was erzähle ich denn den vielen alleinerziehenden Müttern und Vätern? Und warum schütze ich als Staat kinderlose Ehen, wenn doch der Sinn der Ehe in der Familiengründung liegt?) – das Wichtige ist doch, dass die heutige Entscheidung des Bundestages die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Paare beendet (bzw. beenden soll). Es wird niemandem etwas genommen (das haben verschiedene Abgeordnete ausreichend betont), sondern es wird jenen etwas gegeben, denen es bisher zu Unrecht vorenthalten wurde. Gleiche Pflichten schon lange – gleiche Rechte aber nicht. Das genau ist doch Diskriminierung, oder nicht?

Letztlich wird betont: Überall, wo Menschen Verbindungen angehen, die auf Dauer angelegt sind und die nicht unerhebliche juristische Konsequenzen haben, gilt der Schutz des Staates (und so auch die Anerkennung dieser Partmerschaft durch den Staat). Das betrifft gleichgeschlechtliche Paare mit ebenso wie gemischtgeschlechtliche Paare ohne Kinderwunsch.

Natürlich hat die Entscheidung von heute vielleicht nicht mehr viel mit den Gedanken zu tun, die die Mütter und Väter bei der Formulierung des Grundgesetzes gehabt haben mögen. Doch auch hier gilt: Das Grundgesetz formuliert keine abstrakten Universalien, sondern versucht, die Menschenwürde (als einzige Universalie gewissermaßen) und deren Schutz in konkretem Kontext auszubuchstabieren. Sollte die Entscheidung von heute dazu führen, nicht nur den Ehebegriff der Realität anzupassen, sondern auch den der Familie, dann umso besser. Denn abgesehen davon, dass die Gleichsetzung von Ehe und Familie schon lange nicht mehr zutreffend ist, ist ja auch der Familienbegriff des Grundgesetzes obsolet, mindestens aber überarbeitungsbedürftig. Sollte man nicht überall dort, wo verschiedene Generationen füreinander Verantwortung übernehmend zusammenleben, wenn nicht von Familie, so zumindest von familiarer Lebensform sprechen, die schützenswert ist?

Aber das ist ein anderes Thema. Heute freue ich mich erst einmal über den heutigen Beschluss des Bundestages, der klargestellt hat, dass meine Lebensform, in der ich versprochen habe auf Dauer Verantwortung zu übernehmen mit und für einen Partner, der mir dasselbe versprochen hat, endlich die Anerkennung unseres Staates findet. Und heute Abend werden wir Hölzerne Hochzeit von und mit guten Freunden feiern. Eigentlich natürlich Hölzerne Eingetragene-Lebensverpartnerschaftlichung – aber an einem Tag wie diesem sind mir diese Spitzfindigkeiten egal.

 

 

 

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